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Re­spekt! Grünau wird 50

in: Leip­zi­ger Blät­ter Nr. 88, Früh­jahr 2026, S. 50-54

Für die Leip­zi­ger Blät­ter schrieb ich zu Be­ginn des Jah­res 2026 einen Ar­ti­kel an­läss­lich des 50. Jah­res­ta­ges der Grund­stein­le­gung für die Groß­wohn­sied­lung Grünau. Erst­ma­lig ar­bei­te­te ich nicht al­lein, son­dern ge­mein­sam mit der Leip­zi­ger So­zio­lo­gin Prof. Dr. Sig­run Ka­bisch am Text. Sie ist mit dem Wach­sen und Wer­den des Stadt­teils, be­son­ders aber mit der Sicht der Grü­nau­er Ein­woh­ner­schaft auf sich und auf Grünau ver­traut wie kaum je­mand an­de­res. Zwi­schen 1979 und 2025 lei­te­te sie eine in­ter­na­ti­o­nal ein­zig­ar­ti­ge so­zio­lo­gi­sche Lang­zeit­stu­die, deren Daten die Be­woh­ner­sicht auf die viel­fäl­ti­gen Ver­än­de­run­gen des Stadt­teils und ihren Um­gang damit ab­bil­den. Diese wert­schät­zen­de Zu­sam­me­n­a­r­beit hat mir große Freu­de ge­macht.

Le­se­pro­be

16Geschosser
Ein 16-Geschosser in der Stuttgarter Allee

In knapp fünf­zehn Jah­ren war ein Stadt­teil mit einer über­aus he­te­ro­ge­nen und über­wie­gend jun­gen Ein­woh­ner­schaft ent­stan­den. Die Durch­mi­schung der So­zi­al­struk­tur bis in die Häu­ser hin­ein war eine Folge der Ver­ga­be­pra­xis der Woh­nun­gen. Ob Ar­bei­ter­klas­se oder In­tel­li­genz, bei der Woh­nungs­su­che waren (fast) alle gleich und fan­den sich schließ­lich ge­mein­sam in Grünau wie­der. In den öst­li­chen Wohn­kom­ple­xen 1, 2 und 3 hat sich diese So­zi­al­struk­tur bis heute weit­ge­hend er­hal­ten. Hinzu kommt hier eine ver­gleichs­wei­se ho­mo­ge­ne Al­ter­ss­truk­tur. Die jun­gen El­tern der An­fangs­jah­re sind mit­ein­an­der alt ge­wor­den. Der Orts­teil Grünau-Ost ist der Leip­zi­ger Orts­teil mit dem höchs­ten Al­ters­durch­schnitt.

Im Zuge der ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen in Ost­deut­sch­land nach 1989 sah sich Grünau völ­lig neuen Her­aus­for­de­run­gen ge­gen­über. Der Zu­sam­men­bruch der ost­deut­schen Wirt­schaft, der neben dem Weg­fall von zahl­rei­chen Ar­beits­plät­zen auch den Ver­lust von Aus­bil­dungs­plät­zen für junge Men­schen be­deu­te­te, ver­ur­sach­te einen dras­ti­schen Be­völ­ke­rungs­rü­ck­gang. Auf der Suche nach neuen Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten, nach be­ruf­li­chen Per­spek­ti­ven oder auch Wohnal­ter­na­ti­ven kehr­ten viele Grü­nau­e­rin­nen und Grü­nau­er ihrem Stadt­teil den Rü­cken. Der da­durch ra­sant wach­sen­de Leer­stand führ­te zur In­sol­venz­ge­fahr man­cher Ge­nos­sen­schaf­ten und des kom­mu­na­len Un­ter­neh­mens Leip­zi­ger Woh­nungs- und Bau­ge­sell­schaft (LWB).

Grünauer Krug
Die Wohngebietsgaststätte "Grünauer Krug"

Die Auf­la­gen des Alt­schul­den­hil­fe­ge­set­zes von 1993 zur Pri­va­ti­sie­rung der Woh­nun­gen durch Mie­te­rin­nen und Mie­ter konn­ten nicht er­füllt wer­den. Somit war der Ab­riss von fast sie­ben­tau­send Woh­nun­gen ein Aus­weg, um den um­fang­rei­chen For­de­run­gen nach der Rü­ck­zah­lung von Kre­di­ten zu be­geg­nen. Al­lein die LWB riss fünf­zehn ihrer zwan­zig Wohn­tür­me mit je­weils etwa hun­dert­drei­ßig Woh­nun­gen ab. Der pro­gram­ma­ti­sche „Stadt­um­bau Ost“ von 2002 bis 2016 ver­än­der­te das Bild des Stadt­teils. „Ent­dich­tung“ war nun an­ge­sagt, und es ent­stan­den sehr große Frei­flä­chen. Im Zuge des Ab­ris­ses ver­schwand auch man­che Ver­sor­gungs­ein­rich­tung, was durch­aus sei­tens der Be­woh­ner­schaft be­dau­ert wurde.

Mitt­ler­wei­le hat sich das Bild wie­der ge­wan­delt. Sa­nie­rungs­fort­s­chrit­te sowie erste Neu­bau­ten sind zu sehen. In Schu­len und Kin­der­ta­gess­tät­ten wurde stark in­ves­tiert. Woh­nungs­leer­stand ist nur noch punk­tu­ell zu ent­de­cken. Das re­sul­tiert auch aus einem star­ken Zuzug mi­gran­ti­scher Per­so­nen und Ge­flüch­te­ter aus Kri­sen­ge­bie­ten. Diese in­ten­si­ven Ver­än­de­run­gen wir­ken sich auf die Iden­ti­fi­ka­ti­on der lang­jäh­ri­gen Grü­nau­e­rin­nen und Grü­nau­er mit ihrem Vier­tel sowie auf man­che Neu­zu­ge­zo­ge­ne aus, die noch nach An­ker­punk­ten in ihrem Woh­n­um­feld su­chen.

Die Leip­­zi­­ger Blät­ter sind im Han­­del er­häl­t­­lich.
ISBN 978-3-95415-180-6

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